Rhetorik & Film

Das Rhetorikforum in Kooperation mit dem Kino Arsenal

Über die Veranstaltungsreihe

Filme verwandeln uns, wirken inspirierend, stilbildend, geradezu identitätsstiftend. Gelegentlich wird das Kino sogar zur Lehranstalt, verändert unseren Blickwinkel so sehr, dass wir die Welt und ihre Bewohner fortan mit anderen Augen sehen – und erzeugt in so manchem Fall auch Kontroversen: Fördern Horrorfilme und Actionkino nun die Neigung zur Brutalität oder nicht? Wie immer man in solchen Fragen auch entscheiden mag, eines ist sicher: Gut gemachte Filme können uns von diesem oder jenem überzeugen. Im Rahmen der Reihe Rhetorik & Film, die das rhetorikforum in Zusammenarbeit mit dem Kino Arsenal organisiert, werden sowohl Klassiker als auch zeitgenössische Spiel- und Dokumentarfilme gezeigt und hinsichtlich ihrer Überzeugungskraft analysiert. Im Anschluss an die Vorführung jedes Films wird sich ein Experte aus Wissenschaft oder Praxis in einem kurzen Vortrag sowie in Diskussion mit dem Publikum mit der Frage befassen, was diesem Film rhetorische Wirkungsmacht verleiht – und wovon er uns überzeugen will.

Der nächste rhetorische Filmabend wird von Sebastian König und Philipp Lotz organisiert.

Dr. Harald Weiß: Der rhetorische Faktor in Unforgiven von Clint Eastwood (1992)

Freitag, 26. Januar 2018, 18 Uhr im Kino Arsenal

Die Guten, die Bösen, die Hässlichen, die glorreichen Halunken, die reitenden Heroen, die mysteriösen Desperados, die coolen Cowboys, Sheriffs und Ganoven, die für eine Handvoll Dollar todesmutig
ihre Colts zum Rauchen bringen… Kaum ein Filmgenre folgt mit dem immer gleichen Figurenensemble solchermaßen problemlos berechenbaren Erzählmustern wie der klassische Western. John Wayne mag Kult sein, aber er liegt schon lange mit allen Ehren begraben im Boden von Corona del Mare. Die mit seinem Namen verbundenen einstigen Kinokassenschlager mögen ihren Charme bewahrt haben, dieser zeigt sich uns heute jedoch in nahezu rein musealem Glanz. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt das postheroische Zeitalter anbrach, verlor der Western alter Machart an gesellschaftlicher Bedeutung. Dieser Umstand zeitigte jedoch nicht den Untergang jener filmischen Gattung, sondern bedingte das phönixmäßige Entstehen einer neuen Ausprägung, welche die hergebrachten Narrative, Mythen und Ideologien des Archetypus kritisch und reflexiv verarbeitet. Als Musterbeispiel dessen darf Clint Eastwoods oscarprämiertes Meisterwerk „Unforgiven“ gelten. Erbarmungslos problematisiert der Altmeister des Pistolenfilms in jenem Cowboyepos die Dialektik von Verbrechen und Strafe vor dem Horizont des Gerechtigkeitsdiskurses. Das Verhältnis von Schuld und Sühne hat hier seine Eindimensionalität verloren. Keine strahlenden Revolverhelden, sondern gebrochene Pistoleros, über welchen die Geier des nagenden Zweifels kreisen. Wüster Nihilismus also? Keineswegs! Im Zwielicht postmoderner Ambivalenz schimmert eben doch eine gewisse schillernde Sinnhaftigkeit. Ob sich in deren Sphäre klar intendierte Botschaften entfalten, ob jenem Werk also rhetorische Wirkmacht eignet, wird nach der Vorführung des Films der Medienwissenschaftler und Filmemacher Dr. Harald Weiß erläutern. Im Anschluss an seinen Kurzvortrag darf auch seitens des Publikums lebhaft diskutiert werden.

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Kartenreservierung beim Kino Arsenal: 07071 999 75 31
Sonderpreis für Vereinsmitglieder: 5,00 Euro an der Abendkasse

Dr. Mario Gotterbarm

Der rhetorische Faktor in Blow Up (1966)

Schnelles Fuhrwerk, schöne Frauen, schillernde Fassaden. Lässig wie ein elegantes Raubtier tigert der Dandy durch das pulsierende London der Swinging Sixties. Gerissen nimmt der berühmt-berüchtigte Fotograf mit, was er da und dort kriegen kann: Skurrile Artefakte, laszive Teenager und immer wieder diverse optische Eindrücke von der Welt und ihrem Inventar. Verlockendes hält er mit seinem Kameraapparat fest, jenem mechanischen Auge, das der Flüchtigkeit des Moments trotzt, indem es fluides Geschehen in handfeste Bilder verwandelt. Models, Penner und Gärten – alles wird süffisant sauber dokumentiert. Thomas ist ein Weltensammler. Er rafft sich seinen Kosmos künstlerisch auf Albumformat zusammen. Glücklich ist er indes nicht. Sein Handeln folgt der Routine eines nihilistischen Playboys. Jener leichtfüßige Lebemann-Trott gerät durch einen mysteriösen Zufall ins Straucheln. Abseits von Motiv und Sujet taucht eine Leiche auf, zunächst nur auf einem Foto, dann ganz real auf dem grasbewachsenen Boden der Tatsachen liegend. Der Tote belebt das Geschehen. Eine Geschichte kommt in Gang – und verliert sich weitestgehend im Raum des Ambivalenten. Michelangelo Antonionis Meisterwerk „Blow Up“ aus dem Jahre 1966 lässt uns auf dem schmalen Grat zwischen wahrer Erkenntnis und trügerischer Einbildung dorthin wandeln, wo zwar allerlei passiert, aber nichts absolut sicher scheint. Inwiefern sich auf diesem unebenen Feld rhetorische Potenz zu entfalten vermag, wird nach der Vorführung des Films der Germanist Dr. Mario Gotterbarm erläutern. Im Anschluss an seinen Kurzvortrag darf auch seitens des Publikums lebhaft diskutiert werden.

Dr. Rolf Geiger

Der rhetorische Faktor in Außer Atem von Jean-Luc Godard (1960)

Jean-Luc Godards Kinodebüt gilt als innovativ und revolutionär. Stetig spürt man den Willen zum Regelbruch, zur anarchischen Grenzüberschreitung. Irritierende Bildwechsel und unkonventionelle Beleuchtung schaffen eine Atmosphäre eigentümlicher Lebendigkeit. Der Film hetzt von Szene zu Szene – und zeigt sich dabei als bedeutungsmäßig höchst weitläufig: Vieles ist Ausdruck ironischer Heiterkeit und dennoch hat fast alles existenzielle Tiefe. Die Handlung gibt Raum zur Interpretation: Da mordet einer kalt, berechnend und paranoid, um sodann nahezu arglos und naiv im Taumel der Liebe zu verenden. Was will uns das alles sagen? Hat jenes amouröse Gangsterdrama eine klare Botschaft? Möchte uns sein berühmt-berüchtigter Macher für etwas einnehmen, uns von etwas überzeugen? Ebensolchen Fragen wird sich nach der Vorführung des Films der Philosoph Rolf Geiger widmen. Im Anschluss an seinen Kurzvortrag darf auch seitens des Publikums lebhaft diskutiert werden.

Prof. Dr. Joachim Knape:
Der rhetorische Faktor in M von Fritz Lang (1931)

Dem heißen Sommerwetter zum Trotz drängten sich Filmliebhaber und Rhetorikinteressierte im Kino Arsenal und diskutierten angeregt mit Herrn Professor Knape über die rhetorische Dimension von Fritz Langs Meisterwerk M. Wir freuen uns also auf den nächsten Film in unserer Reihe – um welchen es sich dabei handeln und wer die Vorführung mit einem Kurzvortrag begleiten wird, erfahren Sie selbstverständlich zu gegebener Zeit in unserem Newsletter.

Übrigens: Wer nicht von der Partie sein konnte, kann sich dennoch im folgenden Artikel einen Überblick über in Herrn Professor Knapes Vortrag über M vorgestellten Argumente verschaffen (und in diesem Sammelband auch weitere spannende Beiträge zur Diskussion um Fritz Langs zeitloses Meisterwerk entdecken):

Joachim Knape: Zur Theorie der Spielfilmrhetorik mit Blick auf Fritz Langs M. In: Urs Büttner, Christoph Bareither (Hrsg.): Fritz Langs M eine Stadt sucht einen Mörder. Texte und Kontexte. Würzburg 2010, S. 15-32.

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